Predigt von Msgr. Kurte am 21. September 2014

zur Übergabe der Pastoralvereinbarung Lichtenau

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im pastoralen Dienst, liebe Schwestern und Brüder,

am heutigen Tag möchte ich Ihnen im Auftrag unseres Erzbischofs die Pastoralvereinbarung für den Pastoralen Raum Lichtenau überreichen. Damit geht ein mehr als 2-jähriger Prozess des Miteinander Ringens und Überlegens zu Ende, welche Rahmenbedingungen für die Seelsorge Ihnen zukünftig wichtig sind. Sie gehören zu den Pastoralverbünden in denen der heutige Tag ein Zwischenschritt auf den großen Raum mit Wünnenberg wird. Da stellt sich bei der größe schon die Frage: wie klange bleibt die Kirche noch im Dorf… Unseren Blick müssen wir bei allen Überlegungen auf Jesus Christus richten. Christus, was willst du uns sagen in dieser Zeit, Christus, was ist unser Beitrag, dass dein Reich unter uns wachsen kann. Bitten wir ihn um sein Erbarmen.

Und - was meinen Sie - wie lange bleibt die Kirche im Dorf…..? Jetzt könnten wir eine halbe Stunde nette Wortspielereien anstellen. Gehört doch „nun lass doch mal die Kirche im Dorf“ zu den geflügelten Worten unserer deutschen Sprache. Was soviel heißt: jetzt übertreib mal nicht, jetzt halt aber mal den Ball flach.

Ist es die Mahnung an Sie die sie ehren und hauptamtlich hier tätig sind: jetzt übertreibt mal nicht, und glaubt doch nicht, mit einer Pastoralvereinbarung hättet ihr jetzt den lieben Gott gepachtet. Nun lass doch mal die Kirche im Dorf. Dahinter steckt aber auch die Sorge vieler gerade in den kleinen Orten unseres Bistums: der Bäcker ist weg, der Laden, die Dorfkneipe und jetzt geht auch noch die Kirche. Welche Kirche geht denn da? In der Regel zieht dann ein Pfarrer aus dem Dorf, das Pfarrhaus steht leer, und dann geht die Kirche. Ja geht denn die Kirche wenn der Pastor nicht mehr da ist? Welches Kirchenbild steckt denn dahinter. Jesus sagt: wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Also Kirche ist immer da wo 2 oder 3 in seinem Namen versammelt sind.

Vor fast 30 Jahren erschien auf dem Buchmarkt ein Buch mit dem Titel: Werden unsere Kinder morgen noch glauben? Bereits damals – wie eigentlich zu jeder Zeit wollte der Buchtitel die Frage unter den Christen wach halten:

Wie können wir den Glauben an die nächste Generation weiter geben? Wie können wir die Frage nach Gott trotz veränderter Rahmenbedingungen wasch und lebendig halten? Das steckt für mich dahinter wenn sie ein wenig provozierend auf dem Einladungsplakat formulieren: Die Kirche bleibt im Dorf solange…

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat vor Jahren einen Hirtenbrief an die Christen in seinem Bistum mit folgenden Worten begonnen:

Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt etwas. Es ist nicht das Geld. Es sind nicht die Gläubigen. Unserer katholischen Kirche in Deutschland fehlt die Überzeugung, neue Christen gewinnen zu können. Das ist ihr derzeit schwerster Mangel. In unseren Gemeinden, bis in deren Kernbereich hinein, besteht die Ansicht, dass Mission etwas für Afrika oder Asien sei, nicht aber für Hamburg, München Leipzig oder Berlin.

In eine ähnliche Richtung geht das Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum Bonifatiusjahr.

Das Hirtenschreiben beginnt mit einem Zitat von Alfred Delp, der bereits 1941 gesagt hat „Wir sind Missionsland geworden.“

Die Bischöfe beklagen, dass das Christentum in unserem Land zwar weiterhin kulturell präsent, aber bei vielen nicht mehr im Herzen lebendig sei.

Vor einigen Jahren war in der Wochenzeitung Christ in der Gegenwart ein Brief einer Mutter an ihre ungläubigen Kinder abgedruckt. Sie schildert darin ihre Besorgnis und ihr Erschrecken, weil alle ihre 5 Kinder, die sie besten Willens und so gut sie konnte im Glauben erzogen hat ungläubig geworden sind. Was habe ich falsch gemacht? fragt sie immer wieder. Was habe ich falsch gemacht, das ist die Frage vieler Eltern. Auf diesen Brief kam es zu einer Riesenflut von Zuschriften, die alle das gleiche Klagelied anstimmten, dass die Weitergabe des Glaubens an die junge Generation gefährdet scheint, das wir Erwachsenen es kaum noch schaffen, die Jungen in den Glauben einzuführen.

Ein paar Monate erschien in derselben Zeitschrift der Brief eines 28-jährigen der mit schonungsloser Offenheit unter der Überschrift: Wir werden keinen Schaden nehmen darlegt, dass er mit 16 Jahren den Glauben zu praktizieren aufgehört habe, und dass seine Generation auf Gott, Christus und Kirche verzichten könne, ohne dabei irgendeinen Schaden zu nehmen.

Wir können momentan nicht die Augen davor verschließen, dass wir zurzeit in einer tiefgreifenden Krise der Glaubensvermittlung stehen. Eine Erfahrung die viele meiner Kollegen machen: Tauf und Brautgespräche werden immer schwieriger, weil von 10 Brautpaaren vielleicht noch 1 Brautpaar eine echte Bindung an den Glauben hat.

Warum ist das so?

Der 28-jährige Briefschreiber sagt wörtlich: Ich hatte eine gläubige Kindheit, nahm am Religionsunterricht teil und war sogar Messdiener. Mit 16 kam der Bruch. Obgleich ich in einer gläubigen Atmosphäre aufwuchs, hatte ich nie eine tiefgreifende religiöse Erschütterung erlebt.

Eine Dichterin sagte einmal ähnliches in einem Interview: Ich bin in einem katholischen Milieu groß geworden, im Blick auf meine Kindheit muss ich feststellen, dass in meiner Gemeinde keine echte Gläubigkeit geherrscht hat. Man ging halt in die Kirche. Mir konnte nie vermittelt werden, dass da was anderes hinter stecken könnte.

Und der große Theologe Karl Rahner schrieb schon 1969: Wir brauchen eine tiefgehende Einweihung in die ursprüngliche Gotteserfahrung, dass den jungen Menschen etwas aufgeht vom tieferen Geheimnis Gottes. Wenn wir uns dieser Aufgabe entziehen dann wird sich die Faszination fernöstlicher Gurus als stärker erweisen, weil unsere dürre und abstrakte Rede über Gott nicht in das Herz trifft und keine Betroffenheit auslöst.

Für mich ergeben sich daraus folgendes.

  1. Müssen wir dieses Problem sehen lernen. So wie wir den Glauben leben davon wird entschieden abhängen ob die nächste Generation noch glauben wird. Die Kinder und Jugendlichen durchschauen uns mit messerscharfen Augen. Sie wollen eins wissen: Bist du als Lehrer, als Vater als Mutter als Pfarrer als Frau und Mann im Gottesdienst echt und überzeugend von innen heraus. Alles was wir ihnen äußerlich vormachen bewirkt keinen Glauben. Da heißt es in unseren Gemeinden auch Abschied zu nehmen von dem was immer war. Suchen sie auch in ihrem Pastoralen Raum nach neuen Wegen wie wir heute Menschen zu einem überzeugenden Glauben von innen ermutigen können, wie wir uns gegenseitig dazu ermutigen können.

  2. heißt die tödliche Gefahr für den Glauben die Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit. Wo das Leben des Christen und das Leben einer Gemeinde wo der Gottesdienst oberflächlich und gewohnheitsgemäß verläuft, da bewirkt er nichts.

  3. Müssen wir uns fragen: Kann mein Glaube und mein Verhalten Menschen für den Glauben gewinnen. Spürt ein junger Mensch dass es sich täglich lohnt aus der Quelle des Glaubens zu trinken ? Spürt ein anderer dass ich selbst ergriffen bin im Glauben. Fragen die entscheidend sind für die Weitergabe des Glaubens an die junge Generation.

Heute möchte ich diese Fragen und diese Sorge an uns alle weitergeben. Nicht als ein Besserwisser sondern als ein Suchender, als jemand der in seinem seelsorglichen Tun, aber auch in der Bistumsleitung mit diesen Fragen konfrontiert wird. Ich warne vor einem hektischen Aktionismus, ich möchte zur Sensibilität ermutigen. Es gibt nicht das Konzept der Glaubensweitergabe, dafür sind Menschen zu unterschiedlich. Pastoralkonzepte bringen uns nicht weiter wenn Menschen nicht spüren aus welchem Geist heraus sie geschrieben wurden. Der Ansatz für die Wiederbelebung der Kirche liegt vor allem im persönlichen Bereich. Meist sind es persönliche oft unscheinbare Begegnungen, die gerade junge Menschen in die Kirche hineinziehen oder aus ihr hinaustreiben. Zum Glauben kann man nicht erziehen sondern nur bewegen. Was bewegt mich andere zum Glauben zu bewegen. Was fasziniert mich am Glauben, am Gottesdienst an der Kirche ? Dieser Frage gilt es zunächst ganz persönlich bei mir nachzugehen, der erste Schritt zur Weitergabe des Glaubens fängt dann an, dass ich Zeugnis gebe von dem was mich im innersten zur Nachfolge Christi bewegt.

Liebe Schwestern und Brüder, die gestalt der Kirche ändert sich im Vergleich zu dem wie sie in den letzten 100 Jahren war. Und das setzt ein Umdenken voraus.

Bei uns Hauptamtlichen. Zusammenarbeit im Team fällt vielen schwer, vor allem wenn ich vielleicht vor 20 Jahren noch der war, der alles allein gemacht hat. Wie kann ein Pfarrer ein Team von Hauptamtlichen so leiten, dass der einzelne sich mit seinen Stärken und Begabungen einbringen kann. Und wie kann ein Team von Hauptamtlichen sehr sensible wahrnehmen: hier sind wir jetzt gefragt. Und hier muss Kirche jetzt im Dorf bleiben. Und hier müssen wir da sein, weil Menschen uns signalisieren: Ihr seid uns wichtig Wir wollen in unserem Bistum keinen Zentralismus. Und wie können Hauptamtliche Talente in der Gemeinde fördern und Männer und Frauen ermutigen aus ihrer Taufberufung heraus dazu beizutragen, dass die Kirche im Dorf bleibt.

Und ehrenamtliche und Gemeindemitglieder müssen lernen: nicht jeder Wunsch auf Anwesenheit eines Hauptamtlichen kann erfüllt werden, und nicht an jedem Sonntag kann eine Hl. Messe im Dorf sein. Das ist schmerzhaft.

Ich wünsche Ihnen dass die Pastoralvereinbarung zur Transparenz beiträgt, was sie im Kern bewegt, wohin der Weg gehen soll. Ich wünsche Ihnen dass sie Ihnen Leitfaden und Orientierung für den Weg der Kirche in die Zukunft ist. Ich wünsche Ihnen dass sie Ermutigung ist, zu schauen: wie kann die Kirche hier im Altenautal und in der Stadt Lichtenau lebendig sein und leben, in der größeren Gemeinschaft, weil ein Dorf allein es nicht mehr schafft, aber auch ganz konkret in den einzelnen Dörfern. Dabei geht es nicht um die Frage: wie kann alles beim Alten bleiben. Vielmehr geht es darum: wie kann die Kirche im Dorf bleiben. Für diesen Weg wünsche ich Ihnen Gottes Segen und die Gabe des Hl. Geistes Amen.

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